Zwangsstörungen

1. Einführung

Ein 12-jähriger Junge litt sehr unter seinen Ordnungszwängen. In seinem Zimmer mussten alle Gegenstände immer am genau den gleichen Platz sein. Zunächst konnte er überhaupt keine Zwangsgedanken und damit verbundene Ängste benennen, die den Ordnungszwang auslösen. Erst im Verlauf der Behandlung stellte sich als aufdrängender Gedanke die Befürchtung heraus, seinen Eltern könne etwas Schlimmes passieren, wenn er im Zimmer nicht alles ordne" (Wewetzer & Wewetzer, 2014, S. 23).

Vor einiger Zeit herrschte die falsche Meinung vor, dass Zwänge bei Kindern kaum auftreten. Heute weiß man, dass Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter eine häufige Erkrankung ist. Es wird davon ausgegangen, dass 0,5 bis 4 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einer Zwangsstörung betroffen sind. Kinder und Jugendliche schämen sich häufig für ihre Zwänge und versuchen, diese zu verbergen oder sind sich derer nicht voll bewusst. Der durchschnittliche Erkrankungsbeginn bei Kindern ist etwa das zehnte Lebensjahr, Jungen sind doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Fast alle Zwangsstörungen brechen erstmalig vor dem 25. Lebensjahr aus, wobei im Erwachsenenalter das Geschlechterverhältnis ausgeglichen ist. Zwangssymptomatik nimmt meistens im Verlauf zu und verschwindet sehr selten von alleine. Zwangsstörungen werden von betroffenen Kindern häufig belastend und einschränkend empfunden. Gerade deshalb sollte das Krankheitsbild nicht unterschätzt und professionell behandelt werden (ebd., 2014).

Quellenangaben:
Wewetzer, G. & Wewetzer, C. (2014). Ratgeber Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Informationen für Kinder, Jugendliche und Eltern. Göttingen: Hogrefe.

2. Was ist eine Zwangsstörung?

ZwangsstörungGedanken, Handlungen oder Rituale werden nicht gleich zur Zwangsstörung, wenn sie unsinnig erscheinen, z.B. wenn jemand sich täglich fünf Mal die Hände wäscht oder Steine sammelt. Von einer Zwangsstörung wird erst dann gesprochen, wenn die Zwänge zeitaufwendig sind und (fast) täglich über einen längeren Zeitraum auftreten (mindestens zwei Wochen). Die Zwänge sind belastend, quälend und beeinträchtigen das Wohlbefinden der betroffenen Person oder einen normalen Tagesablauf. Am Beispiel des Steine Sammelns würde man eine Zwangsstörung vermuten, wenn beim Verlust der Steine Ängste auftreten (z.B. dass jemandem etwas zustößt), das Vorhandensein der Steine immer wieder kontrolliert wird oder die Gedanken ständig darum kreisen.

Prinzipiell wird zwischen Zwangsgedanken und -handlungen unterschieden. Zwangsgedanken sind Befürchtungen, die sich durch Impulse, Sätze oder Bilder aufdrängen, die man denken muss, obwohl man es nicht möchte. Zwangshandlungen sind ritualisierte sich wiederholende Handlungsabläufe, die gemacht werden müssen, um sich besser zu fühlen. Folgende Merkmale werden als typisch für Zwangsgedanken und -handlungen gesehen (Wewetzer & Wewetzer, 2014):

  • kommen immer wieder
  • sind übertrieben oder unsinnig
  • sind nur schwer oder gar nicht kontrollierbar
  • verbrauchen viel Zeit des Tages (auch gedanklich)
  • sind belastend und quälend
  • Zwangsgedanken drängen sich auf und lösen dadurch schlechte Gefühle aus
  • Zwangshandlungen werden bewusst ausgeführt, um schlechte Gefühle zu verringern

Meistens treten Zwangsgedanken und -handlungen zusammen auf, es kann aber auch nur eine Form des Zwangs alleine bestehen.

Kontrollfragen: Kann mindestens eine der folgenden Fragen mit ja beantwortet werden, könnte eine Zwangsstörung vorliegen. Anzuraten ist, dies professionell abzuklären (ebd., 2014).

  • Bestehen wiederkehrende quälende Gedanken, die man gerne loswerden möchte, aber nicht kann?
  • Müssen bestimmte Handlungen oft hintereinander wiederholt werden, obwohl sie als unsinnig oder übertrieben empfunden werden?
  • Wird das subjektive Empfinden nach derartigen wiederholten Handlungen besser und werden Gefühle wie Angst und Anspannung weniger?
  • Bestehen erfolglose Versuche, sich gegen diese Gedanken und das Ausführen der Handlungen zu wehren?
  • Verbrauchen die Gedanken und/oder Handlungen viel Zeit und werden als belastend empfunden?

Quellenangaben:
Wewetzer, G. & Wewetzer, C. (2014). Ratgeber Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Informationen für Kinder, Jugendliche und Eltern. Göttingen: Hogrefe.

3. Zwangsgedanken

Unter Zwangsgedanken versteht man Befürchtungen, die sich in Form von Impulsen, Sätzen oder Bildern aufdrängen. Diese Gedanken muss man denken, obwohl man es nicht möchte. Sie kehren immer wieder und werden von bestimmten Situationen oder Menschen ausgelöst. Beispielsweise können krankheitsbezogene Zwangsgedanken bei Berührungen auftreten: "Habe ich mich beim Berühren der Türschnalle mit einer schlimmen Krankheit angesteckt?" Jedoch können sich die Gedanken auch ohne Auslöser immer wieder aufdrängen. Zwangsgedanken können auch in bildhaften Vorstellungen erscheinen, wie etwa das Bild einer verletzten Person, die einem nahe steht. Unter Zwangsimpulsen versteht man plötzliche Einfälle, die Druck erzeugen, etwas sofort zu tun, wie jemanden mit einem Messer zu verletzen. Oft verstehen Betroffene nicht, warum sie durch die übertriebenen Befürchtungen gequält werden.

Zwangsgedanken können auch regelrecht unsinnig sein, beispielsweise "Wenn ich auf eine Fuge der Fliesen trete, wird meine Mutter sterben!" Auch können alltägliche Gedanken wie "Habe ich die Kerze wirklich ausgeblasen?" zur übertriebenen Befürchtung werden und den ganzen Tag belasten, obwohl man vor dem Verlassen des Zuhauses dies kontrolliert hat. Leidet man unter Zwangsgedanken, sind sich Betroffene meist bewusst, dass die Gedanken unsinnig oder übertrieben sind. In einer auslösenden Situation ist man sich dessen nicht mehr sicher und die Zweifel und Befürchtungen bestimmen das Denken.

Zwangsgedanken sind immer sehr belastend, egal welche Inhalte sie haben. Oft werden sie auch als angsteinflößend oder bedrohlich empfunden, können sich darum drehen, jemand anderen zu verletzen, zu schädigen oder sogar zu töten. Oft spielt sogenanntes magisches Denken eine Rolle, bei dem ein Zusammenhang zwischen den eigenen schlechten Gedanken und einem schlimmen Ereignis hergestellt wird. Folgend werden Zwangshandlungen ausgeführt, um die aufkommende Angst und Schuldgefühle zu unterdrücken und um zu verhindern, dass z.B. die Mutter stirbt. Zwangsgedanken führen meist zu Verhaltensveränderungen, um auslösenden Situationen möglichst aus dem Weg zu gehen (Vermeidungsverhalten). Auch führen Zwangsgedanken häufig zu Zwangshandlungen (Wewetzer & Wewetzer, 2014).

Quellenangaben:
Wewetzer, G. & Wewetzer, C. (2014). Ratgeber Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Informationen für Kinder, Jugendliche und Eltern. Göttingen: Hogrefe.

4. Zwangshandlungen

OrdnungszwangZwangshandlungen sind Handlungen die durchgeführt werden, damit ein starkes schlechtes Gefühl weniger wird. Sie verringern die negativen Emotionen kurzfristig, müssen immer wieder durchgeführt werden und die Unterdrückung der Handlungen ist kaum möglich. Körperliche Zwangshandlungen sind aktive Tätigkeiten, wie sich ständig wiederholendes Händewaschen, Kontrollieren von Geräten oder Ordnen von Dingen. Auch können gedankliche Zwangshandlungen auftreten, wie etwa das wiederholte Denken eines speziellen Satzes oder Zählen. Gedankliche werden auch häufig anstelle von körperlichen Zwangshandlungen ausgeführt, wenn durch Scham etwa in der Schule die üblichen Ausführungen nicht möglich sind. Zwangshandlungen treten nicht zufällig auf, sondern erfüllen einen bestimmten Zweck. Sie verringern schlechte Gefühle, wie Angst, Ekel, Anspannung und entlasten dadurch emotional. Beispielsweise werden alle Dinge des Zimmers in einem ritualhaften Vorgehen geordnet, da sonst eine innere Unruhe oder zwanghafte Gedanken aufkommen. Eine langanhaltende Beruhigung kann aber nicht erreicht werden, die schlechten Gefühle steigen wieder an und die Handlungen müssen erneut ausgeführt werden.

WaschzwangZwangshandlungen erscheinen Außenstehenden oft wie Rituale, da die Reihenfolge von Handlungsabläufen gleichbleibend ist. Wird die exakte Reihenfolge nicht eingehalten, muss der Ablauf erneut begonnen werden. Auch Zahlenvorgaben sind nicht selten, z.B. muss ein Waschritual achtmal aufeinanderfolgend durchlaufen werden. Zwangshandlungen zu unterdrücken ist schwer bis unmöglich, obwohl die Unsinnigkeit oder Übertriebenheit der Handlungen prinzipiell verstanden wird. Typische Zwangshandlungen gibt es nicht, jedoch drehen sich die Ausführungen häufig um die Themenbereiche: Waschen und Reinigen (Hände waschen, Duschen, Putzen), Kontrollieren (Ausschalten von Elektrogeräten), Kontaktvermeidung (Hände müssen immer bedeckt sein), Ordnen (Gegenstände im Zimmer müssen immer gleich liegen), Wiederholen (wiederholt dieselbe Frage stellen, Handlungen öfters ausführen), Zählen (Häuser, Fenster, Bücher zählen), Sammeln (von unnützen Dingen wie Kaugummipapier oder Notizzetteln) (Wewetzer & Wewetzer, 2014).

Quellenangaben:
Wewetzer, G. & Wewetzer, C. (2014). Ratgeber Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Informationen für Kinder, Jugendliche und Eltern. Göttingen: Hogrefe.

5. Diagnostik von Zwangsstörungen

Der erste Schritt zur Behandlung einer Zwangsstörung ist die Diagnose der Erkrankung. Zwangsstörungen treten oft im Verborgenen auf oder die betroffenen Kinder und Jugendlichen schämen sich dafür und versuchen ihre Zwänge möglichst lange geheim zu halten. Der diagnostische Prozess beinhaltet mehrere Schritte und bezieht nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern und möglicherweise sogar die Schule bzw. andere Betreuungspersonen mit ein.

Ein wichtiger Punkt ist die Exploration der Eltern und des Kindes (Gespräch und Fragebögen), mit der die Symptome abgeklärt, das Verhalten des Kindes analysiert und die Anamnese erhoben (Familiensituation, soziale Beziehungen, Entwicklung des Kindes etc.) werden.

Der zweite Schritt ist die Befragung und Testung des Kindes selbst (Fragebögen, Gespräch, Leistungstests), wobei die Zusammenstellung der Methoden und Tests individuell an die kindliche Problematik angepasst wird. Wichtig ist auch, dass zusätzliche oder ähnliche Störungen ausgeschlossen bzw. erkannt werden können (z.B. depressive Verstimmung, Angststörungen).

Während der Arbeit mit dem Kind ist eine Verhaltensbeobachtung des Kindes möglich (z.B. das Verhalten beim Erstkontakt, Perfektionismus in Leistungssituationen), die zusätzlich eine wichtige Informationsquelle darstellt. Als letzter Schritt wird ein ausführlicher Befund erstellt und die Ergebnisse mit den Eltern nachbesprochen.

6. Behandlung von Zwangsstörungen

Aufbauend auf den Ergebnissen der Diagnostik wird ein individueller Behandlungsplan erstellt. Grundlegende Elemente der psychologischen Behandlung sind die Aufklärung und Beratung bezüglich der Erkrankung/der Probleme des Kindes, die Stützung und Begleitung im weiteren Verlauf sowie die Bearbeitung aktueller Probleme und Schwierigkeiten. In der psychologischen Behandlung wird nicht nur mit dem Kind selbst, sondern auch mit einem Elternteil bzw. beiden Eltern gearbeitet.

Arbeit mit dem Kind:

Mit dem Kind wird an der Reduzierung der Zwänge gearbeitet (Symptomtherapie) aber auch indirekte Verhaltensziele werden verfolgt (z.B. Perfektionismus reduzieren, Stärkung des Selbstwertes, Aufarbeitung von belastenden Themen). Wichtige Bausteine sind das Erkennen der zugrunde liegenden Gedankenmuster und Gefühle, welche die Zwänge auslösen (Gedankenverzerrungen) sowie der Aufbau von Handlungsalternativen und Bewältigungsstrategien. Erfolgsversprechend sind Konfrontationstechniken, in dessen Rahmen das Kind sich seinen Gefühlen stellt, ohne Zwangshandlungen auszuführen und merkt, dass keine Katastrophe eintreten wird.

Arbeit mit den Eltern:

Gerade bei Zwangserkrankungen sind die Eltern nicht selten in die Ausführung (z.B. Wasch- und Putzrituale) oder Aufrechterhaltung der Zwänge mit einbezogen oder verstärken diese, durch positive Konsequenzen (z.B. vermehrte Zuwendung, Machterleben des Kindes). Zwanghafte Kinder haben häufig auch zwanghafte bzw. perfektionistische Eltern, wodurch das zwanghafte Verhalten des Kindes weniger erkannt wird. In Form von Elterngesprächen mit möglichst konkreten Verhaltensratschlägen sollen langfristige Verbesserungen in der Familie erzielt werden (Wewetzer & Wewetzer, 2012).

Literaturtipps für Kinder mit Zwangsstörungen und Ratgeber für Eltern finden sie in unserem Download-Bereich.

Quellenangaben:
Wewetzer, G. & Wewetzer, C. (2012). Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen: Ein Therapiemanual. Göttingen: Hogrefe.