Ängste der Kinder- und Jugendzeit

1. Einführung

AngstAngst vor Gefahr ist eine lebensnotwendige biologische Reaktion des Menschen und gehört zu den wichtigsten Grundgefühlen wie Trauer, Freude oder Wut. Angst hat die Aufgabe, den Menschen in kurzer Zeit zu aktivieren, damit er in bedrohlichen Situationen kämpfen oder flüchten kann. Bestehen jedoch unbegründete übertriebene Ängste, ist man in seiner Lebensführung eingeschränkt und kann nicht mehr angemessen handeln. Schätzungen nach dürften 5 bis 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in ihrem Alltag durch Ängste gestört sein. Ängste sind besonders häufige psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen, wobei nur etwa ein Drittel davon ein therapeutisches Angebot in Anspruch nimmt, obwohl Angststörungen mittlerweile gut behandelbar sind.

Kinder sind unterschiedlich sensibel für Angstempfindungen, was einerseits genetisch vorgegeben ist (d.h. wie das Gehirn neuropsychologisch arbeitet) und andererseits auch mit der individuellen Persönlichkeit in Zusammenhang steht. Ängste werden zu einem großen Teil durch Lernerfahrungen beeinflusst und können sich demzufolge durch erzieherische und therapeutische Bemühungen verändern (Schmidt-Traub, 2010). Bei übertriebenen Ängsten Ihres Kindes wird angeraten, diese diagnostisch abzuklären bzw. professionell behandeln zu lassen, denn ein Zuviel an Angst schränkt die Entwicklung eines Kindes ein.

Quellenangaben:
Schmidt-Traub, S. (2010). Selbsthilfe bei Angst im Kindes- und Jugendalter. Ein Ratgeber für Kinder, Jugendliche, Eltern und Erzieher (2. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

2. Ängste im Kindes- und Jugendalter

Angst vor SpukEin normaler Entwicklungsverlauf eines Kindes beinhaltet auch eine Reihe an typischen normalen Ängsten, die nach einiger Zeit bearbeitet sind und wieder vergehen. Im Säuglingsalter sind sensorische Erfahrungen die wichtigsten Angstquellen (z.B. laute Geräusche), im Laufe des ersten Jahres beginnt das Kind zu "fremdeln" (Angst vor Fremden). Im Kleinkindalter zeigen sich objektbezogene typische Ängste, vor Tieren, vor der Dunkelheit und vor imaginären Wesen (Hexen, Monster, Geister). Im vierten und fünften Lebensjahr zeigen Kinder Angst in Situationen, in denen sie Furcht bei anderen beobachten können (Verletzungen, Unfälle, Feuer). Im Schulkindalter treten Sorgen über die eigene Leistungsfähigkeit auf, die sich im Extremfall zur Prüfungs- oder Schulangst steigern können. Im Jugendalter dominiert entwicklungstypisch die Angst vor der Ablehnung bzw. Bewertung durch andere, besonders durch Gleichaltrige, durch die sich in diesem Alter gehäuft soziale Phobien und auch Panikstörungen entwickeln können. Nicht jede Angst Ihres Kindes ist gleich bedenklich, auch Ängste gehören zu einer normalen kindlichen Entwicklung. Zwischen normaler und pathologischer Angst bestehen fließende Übergänge.

Krankhafte Ängste bei Kindern werden auffällig, weil sie...

  • übermäßig intensiv sind
  • ungewöhnliche Inhalte haben, vor denen man normal keine Angst hat
  • unangemessen oder unverhältnismäßig stark sind
  • bereits sehr lange auftreten
  • durch das Kind nicht reguliert oder bewältigt werden können
  • spürbare Beeinträchtigungen mit sich bringen.
Häufig stellen sich pathologische Ängste beginnend als normale alterstypische Ängste dar und werden erst durch ihre Chronifizierung und ihre besondere Intensität auffällig (Mattejat et al., 2011).

2.1. Ängste im Kindesalter

Spezifische Kinder- und Jugendängste wurden erst sehr spät ab den 1980er Jahren in die anerkannten Diagnosesysteme aufgenommen und werden als emotionale Störungen des Kindesalters bezeichnet. Diese Kinderängste lassen sich weniger gut in klare Kategorien einteilen und scheinen eher Verstärkungen normaler Entwicklungstrend zu sein, weisen aber klare Zusammenhänge mit den Angststörungen des Erwachsenenalters auf.

Folgende Kinderängste werden unterschieden (Mattejat et al., 2011; Remschmidt et al., 2012; Petermann & Petermann, 2006):

TrennungsangstTrennungsängste: Es besteht ein übermäßiger wiederholter Kummer, wenn eine Trennung von wichtigen Bezugspersonen eintritt. Diese Trennungen müssen nicht zwingend längerfristig sein, die Ängste treten bereits bei kurzfristigen Situationen ein, wie beim Besuch des Kindergartens oder Terminen der Mutter. Ein Kind mit Trennungsängsten macht sich darüber Sorgen, dass der Bezugsperson etwas zustoßen könnte (Krankheit, Unfall etc.). Weiter bestehen unrealistische Ängste darüber, von der Bezugsperson getrennt zu werden (z.B. durch Adoption, Entführung). Das Kind vermeidet jede Trennungssituation, etwa die Schule, das Schlafengehen oder das alleine Zuhause-Bleiben.

Phobien: Eine Phobie ist eine übersteigerte anhaltende Furcht vor einem Objekt oder einer Situationen. Kinder weisen zwar viele Ängste auf die typisch für eine normale Entwicklung sind, jedoch können sich diese auch übermäßig stark mit deutlichen sozialen Beeinträchtigungen und klarem Vermeidungsverhalten zeigen. Wird das Kind mit dem Objekt oder einer bestimmten Situation konfrontiert bzw. erwartet sie den speziellen Reiz nur, tritt fast immer einer Angstreaktion auf (z.B. Herzklopfen, Schwitzen, Angstgefühl, Schreien, Flucht), die sich bis zu einem Panikanfall steigern können. Der angstauslösende Reiz wird vermieden und nur mit subjektivem großem Leid ertragen.

Neben der sozialen Phobie (siehe unten) und der Agoraphobie (siehe Ängste im Jugendalter) werden die spezifischen Phobien in folgende Typen eingeteilt:

  • situativer Typ: z.B. Tunnel, Fahrstuhl, Flugangst, Dunkelheit
  • Tier-Typ: z.B. Hunde, Schlangen, Spinnen, Mäuse
  • Naturgewalten-Typ: z.B. Feuer, tiefes Wasser, Gewitter, Blitz & Donner
  • Blut-Spritzen-Verletzungstyp: z.B. Blut, Nadeln, Verletzungen, Zahnarzt, Arztbesuchen
  • Anderer Typ: z.B. Bakterien, Schmutz, spitze Gegenstände

Viele der spezifischen Phobien haben ihren Beginn in der Kindheit und resultieren aus einem traumatischen Erlebnis (z.B. Fahrstuhl ist stecken geblieben) oder aus einer evolutionsbiologischen Urangst des Menschen (z.B. Gewitter). Manchmal dominiert gar nicht eine spezielle Befürchtung das Angsterleben, sondern ein extremes Ekelgefühl (z.B. bei Schlangen, Spinnen). Prinzipiell kann man vor fast jeder Situation oder jedem Objekt eine Phobie entwickeln.

Schul- & Prüfungsangst: Prüfungsangst wird zu den spezifischen Phobien gezählt, da die Angst auf eine spezielle Situation bezogen ist und wird in der internationalen Klassifikation als Examensangst bezeichnet. Die Angst vor der Prüfung nimmt extreme Ausmaße an, sodass Vermeidungssymptome (z.B. Schulverweigerung) und psychosomatische Symptome (z.B. Übelkeit, Schlafstörungen, Einnässen) bestehen. Hinter Schulängsten liegt meist eine andere Angststörung, eine Trennungsangst von den Eltern oder in einer schulischen Eingewöhnungsphase eine Störung mit sozialer Ängstlichkeit.

Soziale Ängstlichkeit: Eine gewisse Unsicherheit in neuen sozialen Situationen sowie gegenüber fremden Menschen ist in der gesamten frühen Kindheit normal. Nimmt die soziale Zurückhaltung jedoch ein starkes Ausmaß an (z.B. weinen, schweigen, verweigern, erstarren) und wird von Schwierigkeiten im Sozialbereich begleitet (z.B. Reduktion sozialer Beziehungen), wird von einer Störung mit sozialer Ängstlichkeit gesprochen. Sozial ängstliche Kinder zeigen sich anhaltend ängstlich in sozialen Situationen mit fremden Personen (auch Gleichaltrige) und versuchen diese zu vermeiden. Zudem machen sie sich Sorgen darüber, ob ihr eigenes Verhalten den Fremden gegenüber angemessen ist.

Generelle Angst: Generalisierte Ängste sind nicht auf bestimmte Situationen, Ereignisse oder Personen begrenzt, sondern beziehen sich auf viele alltägliche Schwierigkeiten und Aktivitäten, wie auch auf im Alltag natürlich vorkommende Ereignisse (Hausaufgaben, sich mit Freunden treffen etc.). Kinder mit einer generalisierten Angststörung bezweifeln, dass sie den Alltag bewältigen können und erleben diesbezüglich intensive Sorgen. Sie erwarten Misserfolge und weisen stetige grüblerische und sorgenvolle Gedanken auf, die nicht gestoppt werden können. Die generelle Angst manifestiert sich auch auf der körperlichen Ebene (z.B. Ruhelosigkeit, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen).

2.2. Ängste im Jugendalter

Gleich wie Kinder können Jugendliche ebenfalls von Phobien oder einer generalisierten Angststörung betroffen sein (siehe Ängste im Kindesalter). Im Jugendalter fallen die typischen Kinderängste (z.B. Trennungsangst) jedoch weg und die Angstformen nähern sich denen des Erwachsenenalters an. Die meisten Angststörungen des Erwachsenenalters haben ihren Beginn in der Jugendzeit oder im frühen Erwachsenenalter.

SozialphobieSoziale Phobie: Eine soziale Phobie ist die stark ausgeprägte Angst vor Bewertung und prüfender Beobachtung durch andere. Diese kann sich einerseits in Leistungssituationen und generell in hervorgehobenen Situationen zeigen. Jugendlich beginnen sich über die Angemessenheit ihres Verhaltens in sozialen Situationen (Klassenzimmer, in Gruppen, im Restaurant etc.) zu sorgen, sprich dass sie sich peinlich, schwach, ängstlich oder verrückt verhalten. Eine soziale Phobie geht meist mit einem geringen Selbstwertgefühl und Angst vor Kritik einher.

Panikstörung: Das Hauptmerkmal der Panikstörung sind plötzlich auftretende schwere Panikattacken, die nicht auf eine spezielle Situation oder ein spezifisches Objekt (wie bei einer Phobie) beschränkt sind – dadurch werden sie auch unvorhersehbar. Zu den Symptomen einer Panikattacke gehören Herzklopfen, Schwitzen, Atembeschwerden, Schwindel, Schwächegefühl, Erstickungsgefühl, Entfremdungsgefühl. Oft ist die Attacke mit der Angst verbunden, die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden oder zu sterben. Ein Panikanfall dauert meist nur einige Minuten und steigert sich steil bis zum Angstgipfel. Durch die Unvorhersehbarkeit beginnt meist ein starkes Vermeiden von Situationen, in denen eine Attacke besonders peinlich oder unkontrollierbar wäre.

Agoraphobie: Eine Agoraphobie ist die Angst vor öffentlichen Plätzen und Menschenansammlungen und davor, sich zu weit von zuhause zu entfernen, beispielsweise alleine zu verreisen. Agoraphobien können dazu führen, dass die Person das Haus gar nicht mehr verlässt. Diese phobische Störung ist besonders einschränkend und öfters durch das subjektive Gefühl des "Fehlens eines Fluchtweges" begründet. Die Agoraphobie besteht oft gemeinsam mit einer Panikstörung (Mattejat et al., 2011).

Quellenangaben:
Mattejat, F., Eimecke, S. & Pauschardt, J. (2011). Ängste, Phobien und Kontaktstörungen. In Esser, G. (Hrsg.). Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen (4. Aufl.). Stuttgart: Thieme.
Petermann, U. & Petermann, F. (2006). Training mit sozial unsicheren Kindern (9. Aufl.). Weinheim: Beltz.
Remschmidt, H., Schmidt, M. & Poustka, F. (2012). Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO (6. Aufl.). Bern: Verlag Hans Huber.

3. Klinisch-psychologische Diagnostik

Der erste Schritt zur Behandlung einer Angststörung ist die Diagnose der Erkrankung. Kinderängste zeigen sich in einer Vielfalt an Symptomen auf mehreren Ebenen weshalb eine ausführliche Mehrebenendiagnostik angewandt wird. Folgende Ebenen werden im Rahmen einer klinisch-psychologischen Diagnostik beachtet:

  • Kognitive Ebene: Sorgen und Befürchtungen, irrationale Gedankenmuster, negative Selbstbewertung, negative Erwartungen etc.
  • Emotionale Ebene: Angstgefühle, mangelndes Selbstvertrauen, Hilflosigkeitsgefühl usw.
  • Physiologische Ebene: Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, Übelkeit, Bauchschmerzen etc.
  • Verhaltensebene: Vermeidung, Verweigerung (auch aggressiv), klammern, weinen, nervöse Bewegungen/Tics, erstarren, jammern usw.

Der diagnostische Prozess beinhaltet mehrere Schritte und bezieht nicht nur das ängstliche Kind, sondern auch die Eltern und möglicherweise sogar die Schule bzw. andere Betreuungspersonen mit ein. Ein wichtiger Punkt ist die Elternexploration (Gespräch und Fragebögen), mit der die Symptome abgeklärt, das Verhalten des Kindes analysiert und die Anamnese erhoben (Familiensituation, soziale Beziehungen, Entwicklung des Kindes etc.) werden. Der zweite Schritt ist die Befragung und Testung des Kindes selbst (Fragebögen, Gespräch, Leistungstests), wobei die Zusammenstellung der Methoden und Tests individuell an die kindliche Problematik angepasst wird. Während der Arbeit mit dem Kind ist eine Verhaltensbeobachtung des Kindes möglich (z.B. das Verhalten beim Erstkontakt, in einer Leistungssituation), die zusätzlich eine wichtige Informationsquelle darstellt. Gerade bei ängstlichen Kindern spiegelt sich die Problematik meist auf der Verhaltensebene (z.B. kaum Blickkontakt, Körperausdruck, Sprachverhalten). Als letzter Schritt wird ein ausführlicher Befund erstellt und die Ergebnisse mit den Eltern nachbesprochen (Petermann & Petermann, 2006).

Quellenangaben:
Petermann, U. & Petermann, F. (2006). Training mit sozial unsicheren Kindern (9. Aufl.). Weinheim: Beltz.

4. Psychologische Behandlung von kindlichen Ängsten

PsychologeAufbauend auf den Ergebnissen der Diagnostik wird ein individueller Behandlungsplan erstellt. Grundlegende Elemente der psychologischen Behandlung sind die Aufklärung und Beratung bezüglich der Erkrankung/der Probleme des Kindes, die Stützung und Begleitung im weiteren Verlauf sowie die Bearbeitung aktueller Probleme und Schwierigkeiten.

Arbeit mit dem Kind:
Je nach Alter, Angstinhalt und Angstintensität eignen sich unterschiedliche Methoden und Übungen. Mit dem Kind wird an seinen Angstgedanken und -vorstellungen gearbeitet, etwa mit Gesprächen, Selbstbeobachtung und der Aufdeckung negativer Gedankengänge. Ein wichtiger Baustein ist das Erlernen der Selbstberuhigung bzw. Selbstkontrolle in angsteinflößenden Situationen, wozu sich auch Entspannungsverfahren eignen. Erfolgsversprechend sind Konfrontationstechniken, in dessen Rahmen das Kind sich der Angst stellt und überwindet.

Arbeit mit den Eltern:
Nicht nur die Lernerfahrungen und Gene des Kindes sind für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Angststörung ausschlaggebend, auch die Familie ist an diesem Prozess beteiligt. Ängstliche Kinder haben häufig auch ängstliche Eltern, wodurch das ängstliche Verhalten des Kindes weniger erkannt wird. Häufig wirkt auch falsches Erziehungsverhalten verstärkend auf das ängstliche Verhalten. In Form von Elterngesprächen mit möglichst konkreten Verhaltensratschlägen sollen langfristige Verbesserungen in der Familie erzielt werden.

Quellenangaben:
Petermann, U. & Petermann, F. (2006). Training mit sozial unsicheren Kindern (9. Aufl.). Weinheim: Beltz.